Ubisofts Entscheidung, die aktive Spieleentwicklung bei Red Storm Entertainment zum 19. März 2026 einzustellen, markiert das Ende einer Ära. Nach drei Jahrzehnten als eigenständiges Entwicklerstudio wird der Standort in Cary, North Carolina, künftig nur noch eine unterstützende Rolle in den Bereichen IT, Kundenbeziehungen und Wartung der Snowdrop-Engine einnehmen. Dieser strategische Kurswechsel führte zur Entlassung von 105 Mitarbeitern und hinterlässt ein umfangreiches Portfolio an Projekten in einem Schwebezustand.
Einem Bericht von Insider Gaming vom 23. März 2026 zufolge war Red Storm zum Zeitpunkt dieser Umstrukturierung an mindestens zehn verschiedenen Projekten beteiligt. Angesichts der Größe des Studios verdeutlicht diese hohe Zahl, dass Red Storm zuletzt primär als Co-Entwickler und Support-Hub fungierte, statt eigenständig ein Dutzend AAA-Titel anzuführen. Die Liste umfasst sowohl sehnsüchtig erwartete Fortsetzungen als auch noch nicht angekündigte Prototypen.
Die gemeldete Pipeline von Red Storm
Die folgenden Titel befanden sich laut Berichten bei Red Storm in der Bearbeitung – das Spektrum reicht dabei von saisonaler Pflege bis hin zur umfassenden Produktionsunterstützung.
Hierbei ist die Unterscheidung zwischen „Spielen“ und „Projekten“ essenziell. Im AAA-Sektor kann ein Projekt alles sein – von einem kompletten Spiel über spezifische DLCs bis hin zu Optimierungsarbeiten an der Engine. Es bleibt unklar, wie viele dieser zehn Vorhaben Red Storm tatsächlich federführend leitete. Da ihr letztes veröffentlichtes Spiel Assassin's Creed Nexus VR war und ihr Hauptprojekt The Division Heartland im Jahr 2024 eingestellt wurde, hatte sich das Studio vermutlich schon lange vor der offiziellen Ankündigung zu einem spezialisierten Support-Zentrum gewandelt.
Der Abstieg eines Taktik-Pioniers
Red Storm ist tief in der DNA von Ubisoft verwurzelt. Gegründet im Jahr 1996 von Tom Clancy, Doug Littlejohns und der Virtus Corporation, brachte das Studio die ursprünglichen Ghost Recon- und Rainbow Six-Spiele hervor – Marken, die später zu den wichtigsten Säulen in Ubisofts Portfolio avancierten.
Der Rückzug aus der aktiven Entwicklung folgt auf eine schwierige Phase für die Vorzeigeprojekte des Studios. Splinter Cell VR wurde 2022 gestrichen, und The Division Heartland wurde im Mai 2024 trotz öffentlicher Testphasen am Ende doch noch verworfen. Zuletzt war das Studio an XDefiant beteiligt, das Ubisoft kurz nach einem holprigen Start wieder einstellte.
Dieser Schritt weg von der federführenden Entwicklung spiegelt die harte finanzielle Realität wider. Ubisoft rechnet für das Geschäftsjahr bis März 2026 mit einem operativen Verlust von rund einer Milliarde Euro. Dieser Verlust resultiert unter anderem aus einer Abschreibung in Höhe von 650 Millionen Euro im Zuge einer massiven Umstrukturierung im Januar 2026. Dabei wurden sechs Spiele eingestellt, sieben verschoben, zwei Studios geschlossen und das Unternehmen in fünf „Creative Houses“ aufgeteilt.
Zentralisierung der Snowdrop-Engine
Während 105 Stellen gestrichen wurden, konzentriert sich die verbleibende Belegschaft bei Red Storm nun auf die Unterstützung der Snowdrop-Engine. Dies stellt eine bedeutende technische Verantwortung dar, da Snowdrop das technologische Rückgrat für die The Division-Reihe sowie das kommende Splinter Cell-Remake von Ubisoft Toronto bildet.
Indem Ubisoft Red Storm in eine reine Support-Rolle überführt, versucht der Konzern möglicherweise, technisches Expertenwissen zu zentralisieren. Während Massive Entertainment der Hauptverantwortliche für Snowdrop bleibt, könnte ein engagiertes US-Team für Engine-Support und IT die Produktion von The Division 3 und Splinter Cell effizienter gestalten.
Für die Spieler ist dieser Wandel zweischneidig. Es deutet zwar auf einen fokussierteren Umgang mit Ubisofts Kerntechnologie hin, bedeutet aber auch, dass die ursprünglichen Schöpfer von Ghost Recon und Rainbow Six nicht länger am Steuer ihrer eigenen Kreationen sitzen.
Ein neu geordnetes Tom-Clancy-Erbe
Der Status der gemeldeten Projekte bleibt spekulativ, da Ubisoft bisher nicht klargestellt hat, welche Spiele konkret vom Wandel bei Red Storm betroffen sind.
- Beyond Good & Evil 2: Ubisoft gab im Juni 2024 an, dass sich das Spiel weiterhin in Entwicklung befinde. Sollte Red Storm Assets oder Engine-Support geliefert haben, muss diese Arbeit nun wahrscheinlich von einem anderen Studio innerhalb des „Creative House 4“ übernommen werden.
- The Division 3: Da Massive Entertainment die Federführung hat, dürften die Auswirkungen minimal sein, sofern das Snowdrop-Support-Team bei Red Storm während des Übergangs voll funktionsfähig bleibt.
- Das XCOM-ähnliche Spiel: Dies ist das am stärksten gefährdete Projekt. Falls Red Storm die treibende Kraft hinter diesem Taktiktitel war, bedeutet der Wechsel in eine reine Support-Rolle vermutlich, dass das Projekt entweder eingestellt oder an ein anderes Creative House übertragen wurde.
Für Fans der Tom-Clancy-Marken bedeutet dies vor allem eine Anpassung der Erwartungen. Die Franchises, die Red Storm einst aufbaute, werden nun unter neuen Strukturen verwaltet: „Creative House 2“ ist für Ghost Recon, Splinter Cell und The Division zuständig, während Vantage Studios (eine Tochtergesellschaft in Partnerschaft mit Tencent) die Verantwortung für Rainbow Six trägt.
Das volle Ausmaß der „10 Projekte“ wird vermutlich erst bei Ubisofts nächsten Finanzberichten oder saisonalen Roadmaps deutlich werden. Vorerst signalisiert dieser Schritt, dass Ubisoft seine erfolgreichen Live-Service-Titel wie Rainbow Six Siege priorisiert und gleichzeitig versucht, die technischen Altlasten seiner internen Engines in den Griff zu bekommen.
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