Ubisoft vollzieht derzeit das, was die Führungsetage als einen „großen organisatorischen, operativen und Portfolio-Reset“ bezeichnet. Dieser radikale Schritt führt zur sang- und klanglosen Einstellung von sechs Videospielen, unter denen sich auch das heiß erwartete Prince of Persia: The Sands of Time Remake befindet. Zu dieser Hiobsbotschaft gesellen sich Verzögerungen bei sieben weiteren Titeln. Besonders schmerzhaft: Das viel diskutierte, wenn auch noch nicht offiziell angekündigte Assassin's Creed IV: Black Flag Remake wurde laut Berichten vom Geschäftsjahr 2026 auf 2027 verschoben.
Diese tiefgreifenden Veränderungen gehen mit weiteren Entlassungswellen und der Schließung zweier Entwicklerstudios – Ubisoft Halifax und Ubisoft Stockholm – einher. Während der Publisher offiziell eine Reduzierung der Fixkosten und einen schärferen strategischen Fokus als Ziele nennt, zeichnen diese Maßnahmen aus unserer Sicht ein Bild eines Unternehmens, das mit massivem finanziellem Druck und einer orientierungslosen Entwicklungsstrategie kämpft. Bereits seit 2022 baut Ubisoft Stellen ab. Allein zwischen November 2023 und Januar 2025 wurden rund 676 Mitarbeiter entlassen, wodurch die Belegschaft von 20.279 im Jahr 2022 auf voraussichtlich 17.782 bis März 2025 schrumpfen wird. Diese jüngste Kündigungswelle unterstreicht ein wiederkehrendes Muster drastischer Sparmaßnahmen.
Der Kahlschlag: Prince of Persia und die Qualitätsfrage
Unter den sechs gestrichenen Titeln sticht das Prince of Persia: The Sands of Time Remake besonders hervor. Die Einstellung dieses Projekts sowie vier weiterer unangekündigter Spiele (drei neue Marken und ein Mobile-Titel) wird damit begründet, dass sie „neue, erhöhte Qualitätsstandards sowie selektivere Priorisierungskriterien auf Gruppenebene“ nicht erfüllten. Hinter diesem Corporate-Sprech verbirgt sich die Frage: War die Qualität tatsächlich unzureichend, oder wurde der übermäßig lange Entwicklungszyklus schlicht zu teuer für ein gestrafftes Portfolio?
Das Remake von The Sands of Time blickt auf eine turbulente Geschichte zurück. Nach der Ankündigung im September 2020 sollte es eigentlich 2021 erscheinen. Die Entwicklung wanderte im Mai 2022 von den Studios in Pune und Mumbai zu Ubisoft Montréal ab. Erst kürzlich wurde ein Release-Fenster für 2026 genannt, bevor nun das endgültige Aus kam. Serienschöpfer Jordan Mechner äußerte tiefes Mitgefühl für das Team und betonte, wie „brutal“ es sei, wenn ein Projekt stirbt – besonders für junge Entwickler, die nun Jahre an Arbeit nicht vorweisen können. Die Community reagiert mit Enttäuschung; viele Fans haben angesichts der jahrelangen Odyssee bereits „alle fünf Phasen der Trauer“ durchlaufen. Spekulationen legen nahe, dass auch die frühe Kritik am Grafikstil und das allgemeine Misstrauen gegenüber Ubisofts Geschäftspraktiken zum Scheitern beigetragen haben könnten, auch wenn Ubisoft offiziell nur Qualitäts- und Investitionsbedenken anführt.
Was die Verzögerungen betrifft, wurden sieben Spiele nach hinten verschoben. Ubisoft hält sich bedeckt, doch es gilt als sicher, dass das Assassin's Creed IV: Black Flag Remake dazugehört. Die Neuauflage des Piraten-Epos von 2013 soll nun erst im Geschäftsjahr 2027 erscheinen. Ubisoft rechtfertigt diese Aufschübe mit „zusätzlicher Entwicklungszeit, um Benchmarks für erhöhte Qualität zu erreichen“. Diese Floskel ist bekannt, doch ständige Verschiebungen nagen am Vertrauen der Konsumenten und deuten oft auf tiefere Probleme im Projektmanagement hin.
Umstrukturierung ums Überleben: Creative Houses und die Rückkehrpflicht
Ubisofts „Reset“ ist mehr als nur eine Streichliste. Das Unternehmen bestätigte die Schließung von Ubisoft Halifax im Januar 2026 sowie von Ubisoft Stockholm. Auch bei Ubisoft RedLynx, Ubisoft Abu Dhabi und Massive Entertainment gab es Umstrukturierungen oder Stellenstreichungen. Massive Entertainment soll Berichten zufolge auf nur noch 55 Personen reduziert werden. Zudem wurden Anfang 2025 Studios in Leamington (UK) geschlossen und Standorte in Düsseldorf sowie Newcastle verkleinert. Dies folgt einem branchenweiten Trend: Seit 2022 gingen in der Spielebranche schätzungsweise 45.000 Arbeitsplätze verloren.
Ab April 2026 will Ubisoft in einem neuen Modell aus fünf sogenannten „Creative Houses“ operieren. Der Fokus liegt dabei klar auf „Open World Adventures“ und „GaaS-nativen Erfahrungen“ (Games as a Service). Letzteres ist eine umstrittene Strategie: Während GaaS langfristige Einnahmen verspricht, droht bei Spielern eine Sättigung, wenn Innovation und echter Mehrwert fehlen – ein Kritikpunkt, dem sich Ubisoft in der Vergangenheit häufig stellen musste.
Zusätzlich plant Ubisoft verstärkte Investitionen in generative KI für die Spieleentwicklung. Während KI Prozesse beschleunigen und Spielwelten lebendiger machen könnte, bleiben wir skeptisch. Es gibt berechtigte Sorgen um die Originalität, Kreativität und den möglichen Wegfall weiterer Arbeitsplätze, ganz zu schweigen von urheberrechtlichen Fragen.
Besonders kontrovers wird die Anordnung diskutiert, dass alle Mitarbeiter in Vollzeit ins Büro zurückkehren müssen, um die „kollektive Performance für AAA-Titel“ zu steigern. Dies steht im krassen Gegensatz zum hybriden Trend der Branche und hat bereits zu internem Widerstand geführt. Ein Lead Level Designer wurde Berichten zufolge entlassen, nachdem er die Fünf-Tage-Präsenzpflicht öffentlich auf LinkedIn kritisiert hatte. Solche Maßnahmen könnten wertvolle Talente abschrecken und wirken auf viele wie ein Versuch des „Quiet Firings“ (kaltgestellte Kündigung).
Die neue Garde: Ubisofts Creative House Struktur
Die neuen Creative Houses sollen die Entwicklung straffen. Die Struktur sieht wie folgt aus:
Besonders bemerkenswert ist die Rolle von Vantage Studios, die durch Tencent unterstützt werden und die wichtigsten Marken wie Assassin's Creed kontrollieren. Tencent investierte im März 2025 rund 1,3 Milliarden Euro in Ubisoft. Diese Struktur könnte zwar den Fokus schärfen, wirft aber auch Fragen zur kreativen Unabhängigkeit und möglichem Monetarisierungsdruck auf.
Finanzieller Sparkurs: Stabilität oder Krisenmodus?
Ubisoft strebt massive Einsparungen an. Bis März 2026 sollen die Fixkosten im Vergleich zum Geschäftsjahr 2024-25 um mindestens 100 Millionen Euro sinken. Insgesamt peilt das Unternehmen eine Reduzierung der Kostenbasis um 500 Millionen Euro seit dem Geschäftsjahr 2022-23 an. Das Ziel ist es, die Fixkosten von einst 1,75 Milliarden Euro auf 1,25 Milliarden Euro im Jahr 2028 zu drücken.
Diese Ziele sind eine notwendige Reaktion auf schwache Zahlen: Im Geschäftsjahr 2024-25 verzeichnete Ubisoft einen Rückgang der Net Bookings um 20,5 % auf 1,846 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis rutschte von einem Plus von 401,4 Millionen Euro im Vorjahr in einen Verlust von 15,1 Millionen Euro. Die Sparmaßnahmen wirken daher weniger wie ein strategischer Geniestreich, sondern eher wie ein verzweifelter Versuch, das finanzielle Fundament nach enttäuschenden Verkäufen zu stabilisieren.
Der Blick nach vorn: Verbleibende Projekte und bleibende Zweifel
Trotz des Kahlschlags befinden sich weiterhin Projekte in Arbeit, darunter vier neue Marken wie der MOBA-Titel March of Giants.
Folgende Titel sind weiterhin geplant oder in Entwicklung:
- Rainbow Six Mobile (Geplanter Release: 23. Februar 2026)
- The Division Resurgence (Geplant für 2026)
- Heroes of Might and Magic: Olden Era (Geplant für 2026)
- Might and Magic Fates (Geplant für 2026)
- Beyond Good & Evil 2: Das Spiel, das erstmals 2008 angeteasert wurde, bricht weiterhin Rekorde für die längste Entwicklungszeit eines AAA-Titels (über 15 Jahre). Trotz neuer Leitung im Oktober 2024 bleibt der Status des Projekts ungewiss, was bei uns eine gesunde Portion Skepsis hervorruft.
Letztendlich wirkt Ubisofts „Reset“ weniger wie ein mutiger Aufbruch in eine neue Ära, sondern wie der Versuch, ein sinkendes Schiff zu stabilisieren. Während der Fokus auf Kernmarken sinnvoll sein mag, lassen die aggressiven Entlassungen, die umstrittene Rückkehrpflicht ins Büro und die fortwährende Abhängigkeit von GaaS-Modellen zweifeln, ob hier die langfristige kreative Gesundheit oder nur die kurzfristige Bilanzrettung im Vordergrund steht. Ob diese Maßnahmen wirklich zu der versprochenen „erhöhten Qualität“ führen, bleibt abzuwarten.
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