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Highguard-Debakel: Warum der Shooter der Titanfall-Macher nach 48 Stunden abstürzte

Highguard-Debakel: Warum der Shooter der Titanfall-Macher nach 48 Stunden abstürzte
Kurzzusammenfassung
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Inhaltsverzeichnis

Die Videospielbranche ist ein gnadenloses Schlachtfeld, auf dem der Erfolg eines neuen Titels weit mehr erfordert als nur soliden Code. Es ist ein komplexes Zusammenspiel aus Hype, präziser Ausführung und perfektem Timing. Wildlight Entertainment – ein Studio, das auf der Expertise ehemaliger Respawn-Talente (den Köpfen hinter Titanfall, Call of Duty und Apex Legends) basiert – betrat diese Arena am 26. Januar 2026 mit Highguard. Angekündigt als Free-to-Play Online-PvP-Raid-Shooter, startete das Spiel jedoch nicht mit einem Paukenschlag, sondern mit einem kläglichen Wimmern. Nach einer von Kontroversen begleiteten Vorbereitungsphase folgten massive technische Probleme direkt zum Launch. Das Resultat? Ein erschreckender Massenexodus der Spieler innerhalb der ersten 48 Stunden.

Für uns stellt sich nicht nur die Frage „Was ist Highguard?“, sondern vielmehr: Kann dieser Titel trotz seines hochkarätigen Entwicklerteams unsere kostbare Zeit überhaupt noch rechtfertigen? Wir haben uns das Chaos genauer angesehen.

Große Hoffnungen, harter Aufprall: Highguards steiniger Weg

Das 100-köpfige Team von Wildlight Entertainment, darunter etwa 60 Veteranen der gefeierten Franchises Apex Legends und Titanfall, versprach eine frische Perspektive auf das Multiplayer-Genre. Highguard vermischt Fantasy-Ästhetik und einzigartige Heldenfähigkeiten (man denke an Blitze und Eiswände) mit modernen Waffen wie Schrotflinten und Sturmgewehren. Das Ziel war eine packende 3v3-Erfahrung mit MOBA-Einflüssen. Der Kern des Spiels besteht darin, eine Basis zu befestigen, die Umgebung nach Beute abzusuchen und schließlich die feindliche Festung zu stürmen. Besonders das Movement – eine traditionelle Stärke der ex-Respawn-Entwickler – sollte durch flüssiges Laufen, Rutschen und Klettern überzeugen.

Dieser beeindruckende Hintergrund schürte verständlicherweise hohe Erwartungen. Doch der Weg zur Veröffentlichung war alles andere als reibungslos. Ein desaströser Auftritt bei den Game Awards im Dezember 2025 markierte den Anfang vom Ende: Der gezeigte Trailer war so vage und unklar, dass er das Publikum ratlos und enttäuscht zurückließ. Die Quittung waren über 17.000 Dislikes bei nur 1.800 Likes. Dusty Welch, CEO von Wildlight Entertainment, räumte später ein, dass man einen zu „unterhaltungsorientierten“ Trailer überhastet veröffentlicht und die Chance verpasst habe, das eigentliche Gameplay zu erklären. Die darauf folgende Funkstille des Studios bis zum Release ließ die negative Stimmung weiter gären. Ein kritischer Fehler, der zeigt, dass man 2026 nicht nur ein gutes Produkt, sondern auch ein exzellentes Erwartungsmanagement benötigt.

Eine verwässerte Identität: Gameplay zwischen den Stühlen

Trotz aller Kritik bietet Highguard durchaus spaßige Momente. Auf Plattformen wie Reddit loben Nutzer die soliden Shooter-Fundamente und das Trefferfeedback – hier merkt man deutlich die Handschrift der Genre-Veteranen. Auch die Raid-Phase, in der Teams strategisch ihre Basis ausbauen, wird oft als interessanter Skill-Test hervorgehoben. Das flüssige Fortbewegungssystem erfüllt ebenfalls die Erwartungen.

Dennoch werden diese Lichtblicke schnell von fragwürdigen Designentscheidungen überschattet. Highguard wirkt oft so, als wolle es zu viele Dinge gleichzeitig sein, ohne eine klare Linie zu finden.

  • Pacing-Probleme: Die weitläufige Karte, die scheinbar für die Fortbewegung auf „Geisterpferden“ konzipiert wurde, fühlt sich für 3v3-Matches ohne PvE-Elemente oft leer an. Viele Runden ziehen sich in die Länge und bieten außerhalb der Basis-Angriffe kaum nennenswerte Konfrontationen.
  • Der „Gear-Up“-Grind: Die anfängliche Phase, in der Spieler mit einer Axt Kristalle abbauen und nach Ressourcen suchen müssen, wird fast durchgehend als langweilig und störend empfunden. Das Loot-System mit verschiedenen Seltenheitsstufen wirkt aufgesetzt, und das Kristalle-Farmen fühlt sich wie ein Fremdkörper im Spielgeschehen an.
  • Soziale Isolation: In einem Spiel, das Koordination erfordert, fehlten zum Launch grundlegende Funktionen wie ein In-Game-Chat oder ein Party-System. Das macht Teamwork für zufällig zusammengewürfelte Gruppen fast unmöglich und bevorzugt eingespielte Teams massiv.
  • Mangel an Inhalten: Mit nur einem verfügbaren Spielmodus nutzt sich das Prinzip extrem schnell ab. Für einen Free-to-Play-Titel, der langfristig binden will, ist das Angebot viel zu dünn.

Paul Tassi von Forbes.com merkte treffend an, dass das Gunplay „bestenfalls okay“ sei. Das ist für ein Team, das für einige der besten Shooter-Erfahrungen der letzten Dekade verantwortlich ist, ein herber Rückschlag.

Technische Stolpersteine und ästhetische Verwirrung

Die Ambitionen des Spiels werden zudem durch massive technische Mängel ausgebremst. PC-Spieler berichteten unmittelbar nach dem Start von Performance-Einbrüchen und einer permanenten Unschärfe des Bildes, die selbst bei voller Auflösung durch erzwungenes Motion Blur bestehen blieb. Besonders frustrierend war für viele die Voraussetzung von Secure Boot und TPM 2.0, was etliche Nutzer komplett vom Spielen ausschloss. Server-Abstürze und eine unpräzise Sound-Kulisse rundeten das negative Bild ab.

Visuell kämpft Highguard ebenfalls um seine Identität. Der Mix aus Mittelalter-Elementen und modernen Sturmgewehren wirkt oft deplatziert und unharmonisch. Auf Reddit wird der Grafikstil als generisch beschrieben – ein „Wildwuchs aus Steampunk, Fantasy, Weltkriegen und Cyberpunk“, dem es an Kohärenz fehlt. Die Charakterdesigns vermitteln ihre Fähigkeiten nicht intuitiv, und die Dialoge werden als hölzern oder gar „cringey“ verspottet. All dies verstärkt das Gefühl, dass es sich eher um eine Beta-Demo als um ein fertiges Spiel handelt.

Steam
User Score
Größtenteils Negativ

Der Exodus: Eine schwindende Community

Das deutlichste Zeichen für das Scheitern von Highguard sind die Spielerzahlen. Nach einem respektablen Peak von 97.249 gleichzeitigen Spielern auf Steam (was den katastrophalen Start von Concord weit hinter sich ließ), stürzten die Zahlen dramatisch ab. Bereits 24 Stunden nach Launch waren 80 % der Spieler weg. Nach 48 Stunden betrug der Rückgang unglaubliche 92,9 % – nur noch etwa 6.900 Spieler waren gleichzeitig online. In einem Markt, der von Live-Service-Giganten dominiert wird, ist dies ein Schlag, von dem sich das Spiel möglicherweise nie erholen wird. Die über 16.000 negativen Steam-Bewertungen sprechen eine deutliche Sprache.

Zwar hieß es seitens der Entwickler, man strebe eher eine treue Kern-Community als massive Massen an, doch ein Verlust von über 90 % der Spieler in zwei Tagen ist durch keine Nische zu rechtfertigen. In einer Zeit, in der Apex Legends aus dem Nichts zum Welthit wurde und Valve mit Deadlock bereits den nächsten großen Konkurrenten in den Startlöchern hat, ist der Überlebenskampf für Highguard fast aussichtslos.

Unser Fazit: Ein Fehlschuss mit ungewisser Zukunft

Highguard ist ein tragisches Beispiel für vielversprechende Zutaten, die zu einem ungenießbaren Gericht verarbeitet wurden. Während die Shooter-Mechaniken und die Bewegungsfreiheit das Talent der Entwickler erahnen lassen, sorgen das unklare Konzept, Designfehler und die technischen Mängel für eine frustrierende Erfahrung.

Ist Highguard Ihre Zeit wert? Momentan lautet unsere Antwort: Nein. Auch wenn es kostenlos ist, verlangt das Spiel Ihre Zeit, bietet dafür aber derzeit nur ein unfertiges und instabiles Erlebnis. Die Integration von teuren In-Game-Währungen wirkt angesichts des Zustands fast schon wie ein Affront.

Die Gaming-Community vergisst selten und urteilt hart. Wildlight Entertainment steht vor einem gewaltigen Berg an Arbeit, um dieses Projekt noch zu retten. Ohne eine radikale Überarbeitung des Game-Loops und eine klare visuelle Vision wird Highguard als einer der schnellsten Abstürze der jüngeren Spielegeschichte in Erinnerung bleiben. Ein Titel, um den man aktuell einen großen Bogen machen sollte.

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