Fast ein Jahr nach der Weltpremiere in Telluride und nur wenige Wochen nach dem internationalen Kinostart erreicht Chloé Zhaos "Hamnet" die Leinwände, getragen von einer Welle kritischen Lobes und massivem Oscar-Hype. Die Verfilmung von Maggie O'Farrells gefeiertem Roman aus dem Jahr 2020 taucht tief in eine spekulative, hochemotionale Entstehungsgeschichte des wohl bedeutendsten Theaterstücks der Weltgeschichte ein. Das Marketing suggeriert, dass es nicht die Frage ist, ob der Film berührt, sondern wie tief er schneidet – ein kühnes Versprechen, das wir genauer unter die Lupe genommen haben.
Agnes im Rampenlicht: Buckleys atemberaubende (und heftige) Performance
Unserer Meinung nach wird "Hamnet" unbestreitbar von der fulminanten Leistung Jessie Buckleys getragen. Sie spielt Agnes Shakespeare (geborene Anne Hathaway), die unkonventionelle Frau des aufstrebenden Dramatikers. Buckley liefert eine Offenbarung ab – ihre Darstellung wird weithin als elementar und heroisch gepriesen, eine Naturgewalt, die den Film erdet. Ihre rohe, oft markerschütternde Darstellung mütterlicher Trauer nach dem Verlust ihres Sohnes Hamnet wird vielfach als "seelenzerstörend" beschrieben. Publikumsreaktionen auf Plattformen wie Reddit und Letterboxd bestätigen diese emotionale Wucht; nicht wenige Zuschauer gaben zu, während der Vorstellung "ganze Stapel an Taschentüchern" verbraucht zu haben.
Diese immersive Leistung bescherte Buckley bereits einen Golden Globe als beste Hauptdarstellerin, einen Critics’ Choice Award sowie eine Oscar-Nominierung. Doch solch intensives, viszerales Schauspiel stößt nicht überall auf Gegenliebe. Es gibt eine spürbare Skepsis gegenüber Darbietungen dieses Kalibers. Einige Kritiker – uns eingeschlossen – empfanden Buckleys kraftvolle Momente sowie Paul Mescals ausdrucksstarkes Spiel als William Shakespeare gelegentlich als "histrionisch" oder "überladen". Diese Theatralik grenzt gefährlich nah an kalkulierten "Oscar-Bait". Während der Film sich selbst als Meditation über die heilende Kraft der Kunst feiert, lässt sich der Vorwurf kaum ignorieren, dass die Inszenierung manipulativ oder gar ausbeuterisch wirkt. Wer eine subtile Charakterstudie sucht, wird sich an der fast schon aufdringlichen emotionalen Führung des Films stören.
Zhaos Rückkehr: Von Marvels kosmischer Bühne zum elisabethanischen Schlamm
Nach den gemischten Reaktionen auf ihren Marvel-Ausflug "Eternals" kehrt Chloé Zhao zu ihren Stärken zurück und betrachtet das elisabethanische England mit ihrer typischen Empathie und Neugier. "Eternals" wurde zwar für seine Optik gelobt, fiel aber bei vielen Kritikern durch (nur 48 % bei Rotten Tomatoes). Gemeinsam mit der Autorin Maggie O'Farrell schrieb Zhao das Drehbuch und rückte bewusst die Frauen in Shakespeares Leben – allen voran Agnes – in das Zentrum der Erzählung, anstatt den berühmten Dichter selbst zu heroisieren.
Visuell ist "Hamnet" ein Fest. Kameramann Łukasz Żal ("Cold War", "Ida") verleiht dem Film eine klare, fast leuchtende Qualität. Die Landschaften von Wales und Herefordshire werden in einer beeindruckenden Deutlichkeit eingefangen. Von den schlammigen Feldern in Stratford-upon-Avon bis hin zu den belebten Straßen Londons und einem detailgetreuen Nachbau des Globe Theatre wirkt das Produktionsdesign absolut authentisch. Trotz des allgemeinen Lobes gab es vereinzelt Stimmen, die die Kameraarbeit als "trüb und düster" bezeichneten – ein krasser Gegensatz zur Mehrheitsmeinung.
Der Soundtrack von Max Richter, der prominent sein berühmtes Stück "On the Nature of Daylight" einsetzt, verstärkt das emotionale Erlebnis zweifellos. Wir empfinden dies zwar als wirkungsvoll, doch wirkt der Einsatz dieses Titels mittlerweile fast schon klischeehaft und etwas manipulativ, besonders für Kenner von Richters Werk.
Shakespeare neu geschrieben: Künstlerische Freiheit oder historischer Fehltritt?
Die zentrale Prämisse des Films ist, dass der Tod von Shakespeares elfjährigem Sohn Hamnet (sensibel gespielt von Jacobi Jupe) direkt sein Meisterwerk "Hamlet" inspirierte. Kritiker bezeichnen dies als faszinierende "historische Fantasy", doch wir hinterfragen das Ausmaß dieser kreativen Freiheit. Zwar waren die Namen Hamnet und Hamlet im elisabethanischen England austauschbar und Shakespeares Sohn starb tatsächlich 1596, doch die Wissenschaft geht davon aus, dass andere Stücke in der Zwischenzeit entstanden sind. Der Film verkürzt "Hamlet" somit auf ein rein therapeutisches Instrument der Trauerbewältigung, was das Werk für manche "kleiner und weniger bedeutend" erscheinen lässt.
Historiker betonen zudem, dass "Hamlet" auf der alten Legende von "Amleth" basiert. Shakespeares Trauer spiegelt sich laut Experten eher in der Figur der Constance in König Johann wider, einem Stück, das zeitnäher zum Tod seines Sohnes entstand. Auch Was ihr wollt, das von getrennten Zwillingen handelt, wird oft als eigentliche Verarbeitung des Verlusts angeführt.
Trotz des starken visuellen Designs leistet sich der Film einige historische Patzer. Anachronistische Dialoge und kreative Zeitlinien für Werke wie "Romeo & Julia" fallen aufmerksamen Zuschauern ins Auge. Zudem wirkte Agnes' "Wald-Mystik" auf uns streckenweise etwas zu modern und aufgesetzt für die damalige Zeit, was die Immersion störte. Ein kurioses Detail: Ein Rezensent bemängelte explizit, dass der Schauspieler, der im Film-im-Film den Hamlet spielt, "grauenhaft" sei.
Ungeachtet dieser Kritikpunkte gilt das Ende des Films – die Sequenz im Globe Theatre – als kraftvoller und kathartischer Höhepunkt. Hier findet die Meditation über die Verwandlung von privatem Leid in universelle Kunst ihren stärksten Ausdruck.
Unser Urteil: Eine herzzerreißende Reise, die Tränen (und Geduld) fordert
"Hamnet" ist keine leichte Kost. Der Film ist "bewusst langsam", für manche sogar "bleiern und schleppend". Er fordert eine enorme emotionale Investition und bietet kaum Erholung von seinem zentralen Thema des Verlusts. Die Reaktionen in der Community sind gespalten: Während einige den Film als "überhyped und deprimierend" empfinden, beschreiben ihn andere als "extrem kraftvoll und bewegend". Man muss sich darauf einlassen, emotional durch die Mangel genommen zu werden.
Letztendlich machen jedoch die herausragenden schauspielerischen Leistungen, allen voran von Jessie Buckley, die beeindruckenden Bilder und die tiefgründige Auseinandersetzung mit Kunst und Trauer den Film zu einem lohnenswerten Erlebnis. Wer bereit ist, sich auf ein reich texturiertes Historiendrama einzulassen, das die eigene emotionale Belastbarkeit testet, für den ist "Hamnet" unverzichtbar. Es ist ein wunderschön gestalteter Film, der sich sein Lob weitgehend verdient – auch wenn der Plan, die Herzen der Zuschauer zu brechen, manchmal etwas zu offensichtlich durchscheint. Seien Sie gewarnt: Der Film wird sein Ziel wahrscheinlich erreichen.
Kommentare