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Anthem lebt: Warum Fans den „toten“ BioWare-Shooter nicht aufgeben wollen

Anthem lebt: Warum Fans den „toten“ BioWare-Shooter nicht aufgeben wollen
Kurzzusammenfassung
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Inhaltsverzeichnis

Vor erst zwei Wochen, am 12. Januar 2026, wurden die Server für BioWares ambitionierten, aber glücklosen Live-Service-Shooter Anthem offiziell von Electronic Arts abgeschaltet. Für viele markierte dies das stille, fast unvermeidliche Ende eines Titels, der von seiner grandiosen E3-Enthüllung im Jahr 2017 bis hin zu einer kritischen und kommerziellen Enttäuschung strauchelte. Doch in den digitalen Katakomben des Internets weigert sich eine engagierte Community, die Javelin-Exoskelette verstauben zu lassen. Stattdessen begeben sie sich auf eine gewagte, technisch komplexe und rechtlich prekäre Mission, um Anthem von den Toten aufzuerwecken. Ihr Einsatz ist ein tiefgreifendes Statement zu digitalem Eigentum, dem Erhalt von Videospielen und der beständigen Kraft von Fan-Hingabe.

Anthems turbulenter Aufstieg und der harte Aufprall

Als Anthem am 22. Februar 2019 veröffentlicht wurde, präsentierte es sich als Anomalie für BioWare – ein Studio, das für charaktergetriebene, geschichtenreiche RPGs wie Mass Effect und Dragon Age berühmt ist. Geplant als „Abstecher“ in das Genre der Loot-Shooter, verfolgte es das Mantra „Alleine stark, gemeinsam stärker“. In vielerlei Hinsicht lieferte das Spiel Glanzlichter, die erahnen ließen, was hätte sein können.

Spieler lobten weltweit die visuell beeindruckende Welt von Coda, die packenden Kämpfe und die einzigartigen Javelin-Klassen. Besonders die Flugmechanik war ein Highlight und wurde als „einer der größten Spielspaß-Faktoren“ beschrieben, die das „beste Mech-Gameplay seit Langem“ boten. Sogar Fort Tarsis, der Hub des Spiels, erhielt Komplimente für seine prachtvollen Details, die aufwendigen Animationen und die hochwertigen Synchronsprecher – es fühlte sich wie der „BioWare-Teil des Spiels“ an, inklusive Dialogoptionen und Charakterinteraktionen. Selbst die Monetarisierung zum Launch wurde von Fans überraschenderweise als „fair“ eingestuft, was im oft räuberischen Live-Service-Sektor selten vorkommt.

Diese Höhenflüge wurden jedoch von vernichtenden Tiefschlägen überschattet, die letztlich das Schicksal des Spiels besiegelten. Anthem litt unter repetitiven Missionen, einer glanzlosen Story und einer unterentwickelten Charakterriege. Die Benutzeroberfläche und die Menüführung wurden als „extrem anstrengend“ empfunden, und die Fortbewegung in Fort Tarsis war aufgrund des langsamen Gehens in der Ego-Perspektive „mühselig“. Wir stellten eklatante Konflikte zwischen verschiedenen Designphilosophien fest, die ein „Ungleichgewicht zwischen den beiden Hälften des Spiels“ schufen – den rasanten Kämpfen und dem langsamen, geschichtenfokussierten Hub. Serverprobleme am ersten Tag führten sogar zu Abstürzen auf der PlayStation, und spätere Patches sollen die Beuteraten verschlechtert haben. Ein OpenCritic-Durchschnitt von 62/100, bei dem nur 13 % der Kritiker das Spiel empfahlen, zeichnete das Bild eines „gescheiterten Live-Service-Blockbusters“. Ein Reddit-Nutzer nannte es unverblümt einen „Fehlschlag für jede erdenkliche Zielgruppe“. Für uns war klar, dass die anfängliche Euphorie der E3 2017 niemals wirklich in das fertige Produkt übersetzt werden konnte.

Der kurze, nur 15-monatige Entwicklungszyklus, wie der ehemalige BioWare-Mitarbeiter Ian Saterdalen anmerkte, spielte eine entscheidende Rolle für den überhasteten und ungeschliffenen Zustand. Dieser Zeitdruck war aus unserer Sicht ein grundlegender Fehler, von dem sich BioWare nie wirklich erholte.

Das Ende der Hoffnung: Die Totgeburt von Anthem 2.0 und die Abschaltung

Trotz der anfänglichen Schwierigkeiten versuchte BioWare, das Ruder herumzureißen. Eine komplette Überarbeitung, bekannt als „Anthem 2.0“ oder „Anthem Next“, begann Ende 2019 und weckte einen Funken Hoffnung bei den verbliebenen Fans. Doch am 24. Februar 2021 wurden diese Hoffnungen zunichtegemacht, als BioWare den Abbruch des Projekts bekannt gab. Als Gründe wurden die Auswirkungen der Pandemie und die Notwendigkeit genannt, Ressourcen auf andere Flaggschiff-Titel zu konzentrieren. Während diese Gründe plausibel klingen, können wir eine gewisse Skepsis gegenüber der Bequemlichkeit solcher Erklärungen nicht unterdrücken. Diese Entscheidung führte Berichten zufolge dazu, dass ein geplantes Live-Service-Dragon Age wieder zu einem reinen Singleplayer-RPG umstrukturiert wurde – ein Schritt, der Fans der klassischen BioWare-Tugenden freute. Das Anthem-Subreddit „starb“ nach dieser Ankündigung weitgehend aus. Leider kam es in dieser Zeit auch zu Morddrohungen gegen Entwickler und Moderatoren auf dem Anthem-Discord-Server – eine traurige Erinnerung an die toxischen Schattenseiten leidenschaftlicher Fankulturen.

Jahrelang vegetierte Anthem als digitaler Geist dahin. Downloads wurden eingestellt, und EA-Play-Abonnements gewidmeten keinen Zugriff mehr. Der letzte Nagel im Sarg war der 12. Januar 2026, als die offiziellen Server endgültig abgeschaltet wurden. Da Anthem ein reiner Online-Titel ohne Offline-Modus war, wurde es mit der Abschaltung komplett unspielbar. Dieser Aspekt steht im Zentrum der Fan-Wiederbelebungsversuche, da jede gekaufte Kopie – egal ob physisch oder digital (einige wurden vor der Abschaltung für nur 2 £ verkauft) – über Nacht wertlos wurde. Viele Spieler kehrten in den letzten Stunden aus Nostalgie zurück, um Abschied zu nehmen oder Erfolge abzuschließen – ein Beweis dafür, dass der Reiz des Spiels nie ganz erloschen war.

Projekt Phoenix: Fans schmieden eine neue Zukunft

Doch während die offiziellen Server dunkel wurden, entzündete sich eine neue Flamme. Nur fünf Tage nach der Abschaltung, am 17. Januar 2026, veröffentlichte ein YouTuber namens And799 ein Proof-of-Concept-Video, das eine teilweise Spielbarkeit von Anthem auf einem privaten Server demonstrierte. Mithilfe einer „Client-as-a-Server“-Architektur zeigte das Video zwei Spieler in derselben Spielinstanz – eine bemerkenswerte Leistung. Obwohl einige Online-Funktionen wie die Profilansicht Probleme bereiteten und deutliche Verzögerungen auftraten, stellte And799 klar, dass es sich um frühe Forschung handelte.

Diese Bemühungen sind Teil einer breiteren Initiative namens „Fort's Forge“, einem von mehreren fan-geführten Server-Projekten. Diese Vorhaben lassen sich von jüngsten Erfolgen inspirieren, wie etwa Moddern, die Concord Ende 2025 durch Reverse Engineering wieder online brachten.

Die technische Herausforderung ist immens, aber die Motivation sitzt tief. Es ist ein Akt des Widerstands gegen geplante Obsoleszenz und ein Kampf für die digitale Erhaltung, getrieben von der Überzeugung, dass das Potenzial von Anthem nie ausgeschöpft wurde. Wir sehen dies als einen kritischen Moment, in dem die Handlungsfreiheit der Spieler mit der unternehmerischen Kontrolle kollidiert.

BioWare, EA und der unwahrscheinliche Pfad

Während Fans ihre Leidenschaft in die Wiederauferstehung stecken, bleiben die ursprünglichen Schöpfer auf einem anderen Weg. BioWare hat nach Entlassungen und Berichten über schwierige Entwicklungsphasen explizit mit dem Thema abgeschlossen. Ihr Fokus liegt nun voll auf storybasierten Singleplayer-Spielen wie Dragon Age: The Veilguard, das am 31. Oktober 2024 erschien und positive Kritiken erhielt. Dieser Kurswechsel fühlt sich wie ein strategischer Rückzug nach dem Live-Service-Debakel an.

Der ehemalige BioWare-Produzent Mark Darrah schlug einen 10-Millionen-Dollar-Plan vor, um Anthem als Singleplayer-RPG für aktuelle Konsolen (wie PS5 oder Switch 2) neu aufzulegen – inklusive 60 FPS, verbesserter Grafik und KI-gesteuerten Teammitgliedern. Er merkte sogar an, dass der Code für lokale Server in einer Entwicklungsumgebung bis kurz vor dem Launch existierte. Dennoch glaubt Darrah selbst nicht daran, dass EA einem solchen Plan zustimmen würde. Die Gründe sind klar: Die Marke gehört BioWare, aber die Frostbite-Engine gehört EA. Die Kosten und das Reputationsrisiko, ein gescheitertes Projekt erneut anzufassen, während andere Großprojekte in Arbeit sind, sind schlicht zu hoch. Wir schließen uns dieser Einschätzung an; ein Singleplayer-Anthem klingt faszinierend, bleibt aber ein ferner Traum.

Jenseits der Nostalgie: Warum wir für ein gefallenes Spiel kämpfen

Die Beharrlichkeit der Anthem-Fans spricht für tieferliegende Trends in der Gaming-Industrie, die wir für entscheidend halten:

  1. Ungenutztes Potenzial: Ähnlich wie bei No Man's Sky oder Cyberpunk 2077 glauben viele, dass Anthem ein starkes Fundament hatte. Das exzellente Gameplay-Gefühl lässt erahnen, was hätte sein können.
  2. Digitaler Besitz und Erhalt: Die Abschaltung eines Online-Only-Spiels verdeutlicht die unsichere Natur digitaler Käufe. Die EU-Petition „Stop Killing Games“, die über 1,4 Millionen Unterschriften sammelte, zeigt, dass dies ein globales Anliegen ist. Es geht um einen Präzedenzfall für alle digitalen Medien.
  3. Community und Verbindung: Trotz aller Fehler schuf Anthem eine Gemeinschaft. Fan-Server sind ein Weg, dieses soziale Feuer neu zu entfachen.
  4. Widerstand: Es geht auch darum, der Konzernkontrolle etwas entgegenzusetzen. Wenn ein Publisher ein Spiel für unrentabel erklärt und den Stecker zieht, sagen diese Fans: „Wir schätzen das immer noch und finden einen Weg, es am Leben zu erhalten.“

Ein Hoffnungsschimmer auf dem digitalen Friedhof

Der Weg für „Fort's Forge“ und andere Projekte wird lang und mühsam sein, voller technischer Hürden und potenzieller rechtlicher Schritte seitens EA. Doch die ersten Erfolge zeigen, dass es kein unmöglicher Traum ist. Wir bei TTEK2 beobachten diese Bemühungen mit großem Interesse.

Die Saga von Anthem ist eine Mahnung an die Risiken des Live-Service-Modells, beleuchtet aber auch die unglaubliche Widerstandsfähigkeit und den Erfindungsgeist der Gaming-Community. Während BioWare in die Zukunft blickt, fliegt der Geist von Anthem weiter – auf inoffiziellen Flügeln, getragen von Spielern, die sich weigern, diese Welt verstummen zu lassen. Die Frage ist nicht nur, ob Anthem zurückkehren kann, sondern was seine Wiedergeburt für die Zukunft der digitalen Unterhaltung bedeutet.

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