Die Apokalypse sah selten so geschliffen und gleichzeitig so abgrundtief böse aus. Nur ein Jahr nach seinem Vorgänger von 2025 beweist 28 Years Later: The Bone Temple, dass das Franchise nicht einfach nur zurück ist – es hat sich zu etwas weitaus Komplexerem und Verstörenderem entwickelt, als es die Ursprünge des „Wut-Virus“ vermuten ließen.
Unter der Regie von Nia DaCosta, die das Zepter vom Original-Regisseur Danny Boyle übernimmt, setzt der Film auf eine duale Erzählstruktur. Dabei prallt kalte, wissenschaftliche Verzweiflung auf einen aufkeimenden, rituellen Wahnsinn. Auch wenn der Film mit den typischen Kinderkrankheiten eines „mittleren Kapitels“ zu kämpfen hat, bleibt er eine beeindruckende Leistung im Bereich des atmosphärischen Horrors.
Zwischen Wissenschaft und Wahnsinn: Die Anatomie des menschlichen Monsters
Der Film teilt seine 109-minütige Laufzeit zwischen zwei völlig gegensätzlichen Welten auf. Auf der einen Seite steht Dr. Kelson (mit kühler, klinischer Präzision gespielt von Ralph Fiennes), der versucht, die Lücke zwischen der Menschheit und den „Alpha-Infizierten“ zu schließen – insbesondere durch ein Testobjekt namens Samson. Dieser Teil des Films ist ein lupenreiner Sci-Fi-Thriller, der die biologischen Grenzen des Virus mit einer intellektuellen Neugier erforscht, die man in diesem Genre selten findet. Für ein Franchise, das einst das Zombie-Genre durch seine rennenden Infizierten revolutionierte, bietet dieser tiefe Einblick in die wissenschaftlichen Nuancen des Wut-Virus einen frischen, intellektuellen Ansatz.
Auf der anderen Seite entfaltet sich der Albtraum von „The Bone Temple“. Jack O’Connell liefert hier eine karrierebestimmende Leistung als Sir Jimmy Crystal ab – ein Kultführer, der optisch dem verstorbenen, in Ungnade gefallenen britischen TV-Star Jimmy Savile nachempfunden ist. Hier verdient sich The Bone Temple sein „R-Rating“ mehr als redlich. Man beginnt sich zu fragen, wie viel Menschlichkeit noch übrig bleibt, wenn eine Gesellschaft über das bloße Überleben hinaus in okkulten Kult und ritualisierte Gewalt abdriftet. Die Entscheidung, einen Bösewicht nach dem Vorbild von Savile zu gestalten – jener Figur, die nach ihrem Tod als einer der schlimmsten Missbrauchstäter Großbritanniens entlarvt wurde –, ist ein markerschütternder Kommentar zu den dunkelsten Abgründen der menschlichen Natur. Die erzwungene Einführung des Charakters Spike in diese Gruppe bildet das emotionale Herzstück, auch wenn Kritiker zu Recht anmerken, dass seine persönliche Entwicklung im Vergleich zu den gewaltigen Umbrüchen der Welt um ihn herum etwas stagniert. Diese Betonung der Unmenschlichkeit der Überlebenden, statt nur der Infizierten, knüpft direkt an die thematischen Wurzeln des Originalfilms an.
Schonungslose Gewalt und die beklemmende Akustik des Überlebens
Nia DaCosta glänzt vor allem durch ihr kompromissloses Festhalten an praktischen Effekten. In einer Ära, in der digitales Blut die Norm ist, setzt The Bone Temple auf eine haptische, magenumdrehende Realität. Die körperlichen Verrenkungen der Infizierten sind physisch verstörend, und der Film schreckt vor nichts zurück: Szenen mit Häutungen, Kannibalismus und rituellen Verstümmelungen werden selbst hartgesottene Horrorfans auf die Probe stellen. Diese Entscheidung ist absolut zu begrüßen, da praktische Effekte eine greifbare Authentizität erzeugen, die CGI oft vermissen lässt. DaCosta, die bereits mit ihrem Candyman-Reboot überzeugte, versteht es meisterhaft, Terror durch eine soziale und physische Erdung zu verstärken.
Das technische Niveau setzt sich in der Klanglandschaft fort. Die Komponistin Hildur Guðnadóttir liefert einen Score ab, der wie eine schwere Last auf der Brust wirkt, ergänzt durch einige der inspiriertesten Musikeinsätze des Jahres. Guðnadóttir, die für ihre beklemmende Arbeit an Joker und Chernobyl mit dem Oscar und Emmy ausgezeichnet wurde, schafft es erneut, dass die Musik integraler Bestandteil der Erzählung wird. Iron Maidens „The Number of the Beast“, Duran Durans „Rio“ und „Girls on Film“ sowie Radioheads „Everything in Its Right Place“ vor der Kulisse eines zerfallenden Britanniens zu hören, erzeugt eine Gänsehaut-Atmosphäre. Besonders Radioheads Klassiker sticht hervor, da seine beunruhigende Ruhe einen fast perversen Kontrast zum Chaos bildet. Für Fans der ersten Stunde ist die Rückkehr von John Murphys ikonischem „In the House, In a Heartbeat“ im Finale ein Geniestreich, der das Erbe des Originals von 2002 perfekt mit dieser neuen, dunkleren Ära verknüpft.
Das Syndrom des zweiten Akts? Ein Schritt zu weit für das Franchise?
Wenn es einen legitimen Kritikpunkt gibt, dann den, dass The Bone Temple eindeutig der zweite Akt eines größeren Werks ist. Das Drehbuch von Alex Garland ist dicht und ehrgeizig, lässt jedoch mehrere wichtige Handlungsstränge offen, um den nächsten Teil vorzubereiten. Garland, der in Filmen wie Ex Machina oder Annihilation oft komplexe Themen wie Selbstzerstörung und gesellschaftlichen Kollaps erforscht, nutzt die Geschichte hier eher als Vehikel für seine Thesen, anstatt einfache Antworten zu liefern. Für manche Zuschauer könnte der exzessive Fokus auf Jimmys Kult jedoch wie ein Umweg in Richtung sadistischer Selbstdarstellung wirken, der von der eigentlichen Suche nach einem Heilmittel ablenkt. Es stellt sich die Frage, ob die narrative Balance besser gewesen wäre, wenn man weniger Zeit im Tempel und mehr mit dem wissenschaftlichen Fortschritt verbracht hätte.
Zusätzlich gab es hinter den Kulissen leichte Verwirrung bezüglich der Kameraarbeit, da Berichte schwankten, ob Sean Bobbitt oder Anthony Dod Mantle verantwortlich zeichneten. Unabhängig davon fängt das Bildformat von 2,39:1 ein Großbritannien ein, das selbst im Stadium der Verwesung wunderschön aussieht.
Fazit: Eine fordernde, aber unverzichtbare Horror-Erfahrung
28 Years Later: The Bone Temple ist eine fordernde, oft schmerzhafte Erfahrung. Der Film ersetzt die kinetische Energie der frühen Teile durch ein ständig präsentes Gefühl des Grauens und taucht tief in den „satanischen“ Abstieg einer sterbenden Zivilisation ein. Auch wenn sich Spikes Reise manchmal wie ein Stillstand anfühlt, machen die Darstellungen von O’Connell und Fiennes in Kombination mit DaCostas unerschrockenem Blick für praktischen Horror diesen Film zum Pflichttermin. Es ist eine düstere, brillante Untersuchung dessen, was passiert, wenn die Welt endet und uns nichts bleibt außer unseren dunkelsten Instinkten. Man sollte sich jedoch darauf einstellen, dass diese Geschichte noch lange nicht zu Ende erzählt ist.
Abschließende Empfehlung: Ein Muss für Fans von anspruchsvollem Horror – wer jedoch zartbesaitet ist, sollte den „Bone Temple“ weiträumig umfahren.
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