Namensstreit im KI-Sektor: Autodesk fordert Google im Kampf um "Flow" heraus
In der rasant wachsenden Branche der KI-gestützten Kreativwerkzeuge braut sich ein juristischer Sturm zusammen. Dabei geht es weniger um technologische Durchbrüche als vielmehr um den Schutz einer etablierten Marke. Autodesk, der traditionsreiche Entwickler von 3D-Designsoftware, hat eine Klage wegen Markenrechtsverletzung gegen den Technologieriesen Google eingereicht. Die Klageschrift, die am Freitag, den 6. Februar 2026, vor einem Bundesgericht in San Francisco einging, argumentiert, dass Googles KI-Videogenerator „Flow“ zu einer unzumutbaren Verwechslungsgefahr mit Autodesks bereits existierender „Flow“-Suite für KI-gestützte Filmproduktion führt.
In einer Zeit, in der fast jedes Softwareunternehmen versucht, sich im Bereich der künstlichen Intelligenz zu positionieren, wird die Markenidentität zum Zündstoff. Autodesk spart in der Beschwerde nicht mit deutlichen Worten: Man warnt davor, dass der „weitaus größere Google-Konzern die Autodesk Flow-Produkte und -Marken wahrscheinlich erdrücken wird“. Zudem wird Google vorgeworfen, mit seinen Maßnahmen darauf abzuzielen, „Autodesks Platz im Markt zu überschwemmen“. Während Google zweifellos über die Ressourcen verfügt, Märkte zu dominieren, erscheint der Vorwurf einer gezielten Böswilligkeit vor Gericht schwer beweisbar – die wettbewerblichen Auswirkungen sind jedoch unbestreitbar.
Zwei Welten, ein Name: Die konkurrierenden KI-Werkzeuge
Im Zentrum des Streits stehen zwei Anwendungen, die zwar denselben Namen tragen, aber unterschiedliche Ziele verfolgen.
Autodesk Flow: Das Kraftpaket für die Produktion (Markteinführung September 2022)
Autodesk betrat das „Flow“-Terrain bereits im September 2022 mit Tools für visuelle Effekte und Produktionsmanagement, die speziell auf Filmemacher und Kreativprofis zugeschnitten sind. Die „Flow-Plattform“ fungiert als Cloud-basiertes Ökosystem, das Workflows, Daten und Teams über den gesamten Produktionszyklus hinweg vernetzt. Zu den Kernkomponenten gehören:
- Flow Production Tracking (ehemals ShotGrid): Eine zentrale Schnittstelle für die Verwaltung von Assets, Aufgaben, Zeitplänen und Budgets.
- Flow Capture (ehemals Moxion): Ermöglicht die sofortige Sichtung von Filmmaterial direkt am Set und erlaubt Echtzeit-Feedback von jedem beliebigen Ort aus.
- Flow Studio (ehemals Wonder Studio): Ein KI-Tool, das Realaufnahmen in komplexe 3D-Umgebungen verwandelt, CG-Charakteranimationen automatisiert und Motion-Capture-Daten generiert. Besonders die Fähigkeit von Flow Studio, Live-Action in 3D-Szenen zu transformieren, demokratisiert komplexe VFX-Aufgaben, die früher Hollywood-Studios vorbehalten waren.
Um die Reichweite zu vergrößern, hat Autodesk im Jahr 2025 sogar kostenlose Abonnements für Studenten und Dozenten eingeführt.
Google Flow: Die Engine für KI-Videogenerierung (Debüt Mai 2025)
Google hingegen präsentierte seinen „Flow AI Videomaker“ im Mai 2025 auf der Entwicklerkonferenz Google I/O. Positioniert als KI-Videosystem, wird es mit Modellen wie Veo 3.1 für die Videoerstellung und Nano Banana Pro für die Bildgenerierung betrieben. Die Hauptfunktion besteht darin, einfache Texteingaben (Prompts) in hochauflösende, filmische Videoclips zu verwandeln – inklusive realistischer Kamerafahrten und synchronisiertem Audio.
Google bewirbt Flow damit, die Produktion für Unternehmen und Content Creator drastisch zu beschleunigen. Das Veo 3.1-Modell gilt derzeit als eines der leistungsfähigsten Werkzeuge auf dem Markt, insbesondere was die Detailtreue und die Umsetzung komplexer Regieanweisungen betrifft.
Der Unterschied ist essenziell: Während Autodesks Flow eine integrierte Plattform für komplexe Produktionsabläufe ist, handelt es sich bei Googles Flow um ein dediziertes Generator-Tool zur Erstellung von Inhalten aus dem Nichts.
Vorwurf der Irreführung und Verwechslungsgefahr
Laut Autodesk habe man Google bereits kurz nach der Vorstellung des Produkts aufgefordert, den Namen „Flow“ nicht weiter zu verwenden. Google reagierte daraufhin angeblich mit der Zusage, das Produkt explizit als „Google Flow“ zu vermarkten, um eine klare Abgrenzung zu schaffen. Autodesk behauptet nun jedoch, Google habe seine wahren Absichten verschleiert.
Die Klage führt konkrete Beispiele für Verwechslungen an, darunter Diskussionen in sozialen Medien und Erwähnungen in Fachmagazinen, bei denen Nutzer fälschlicherweise das Google-Produkt als „Flow Studio“ bezeichneten. In einem Markt, der von Namen wie OpenAI Sora, Runway, Luma Dream Machine und Kling AI überflutet wird, wird die Unterscheidbarkeit von Marken zunehmend zu einer Herausforderung für die Gerichte.
Die Tonga-Strategie: Ein taktisches Manöver unter der Lupe
Ein besonders brisanter Teil der Klage betrifft Googles Vorgehen bei der Markenanmeldung. Autodesk behauptet, Google habe die Marke „Flow“ ursprünglich im Königreich Tonga angemeldet. Da dortige Markenregister für die Öffentlichkeit kaum zugänglich sind, konnte Google diesen Antrag als „Sprungbrett“ nutzen, um später in den USA die Priorität für den Namen zu beanspruchen, ohne dass Wettbewerber frühzeitig gewarnt wurden.
Dieses Vorgehen wirft Fragen nach der Transparenz auf. Zwar erlaubt das internationale Markenrecht solche Prioritätsansprüche, doch Autodesk sieht darin ein kalkuliertes Manöver, um den Namen ohne öffentliche Kontrolle zu besetzen. Ein solches Vorgehen sei kaum als Zeichen von „Good Faith“ (gutem Glauben) zu werten, wenn man einen Konflikt hätte vermeiden wollen.
Milliardenbeträge und Stellenabbau: Was auf dem Spiel steht
Autodesk strebt eine gerichtliche Verfügung an, um Google die Nutzung der Marke „Flow“ zu untersagen, und fordert zudem Schadensersatz in nicht genannter Höhe. Google selbst gab bis zum 9. Februar 2026 keinen offiziellen Kommentar zum laufenden Verfahren ab.
Dieser Rechtsstreit ist ein klassisches „David gegen Goliath“-Szenario, wenn auch auf technologisch höchstem Niveau. Zum Zeitpunkt der Klageeinreichung lag der Marktwert von Autodesk bei etwa 51 Milliarden US-Dollar, während Googles Mutterkonzern Alphabet stolze 3,9 Billionen US-Dollar wert war.
Die Klage fällt zudem in eine für Autodesk kritische Phase: Erst im Januar 2026 kündigte das Unternehmen den Abbau von rund 1.000 Stellen (etwa 7 % der Belegschaft) an, um Ressourcen massiv in Richtung Cloud-Plattformen und künstliche Intelligenz umzuschichten. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum Autodesk seine Marke so aggressiv verteidigt. Der Markt für KI-gestützte Filmproduktion wird bis 2033 auf ein Volumen von über 23 Milliarden US-Dollar geschätzt. Für Autodesk geht es also nicht nur um einen Namen, sondern um die Existenzsicherung in einer Branche, die sich im radikalen Umbruch befindet.
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