Ist KI ein Software-Killer? Workday-CEO gibt Entwarnung
In der Tech-Branche dominiert derzeit ein Narrativ: Künstliche Intelligenz schickt sich an, traditionelle Software-Geschäftsmodelle nicht nur zu revolutionieren, sondern sie potenziell völlig zu verdrängen. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos hielt Carl Eschenbach, CEO von Workday, am Donnerstag, den 22. Januar 2026, jedoch entschieden dagegen. Er bezeichnete die Weltuntergangsszenarien für die Branche als „übertrieben“ und „schlichtweg falsch“. Für Workday, einen Spezialisten für cloudbasierte ERP- und HCM-Lösungen, sei KI eindeutig ein „Rückenwind“ und kein „Gegenwind“.
Doch stellt sich die Frage: Handelt es sich hierbei lediglich um Zweckoptimismus eines CEOs, oder bietet die Strategie von Workday tatsächlich einen tieferen Einblick in die komplexe Realität des Softwaresektors? Aus unserer Sicht bleibt das Zusammenspiel zwischen technologischem Wandel und Investorenstimmung kompliziert. Eschenbachs Zuversicht ist zwar mutig, bedarf jedoch angesichts der jüngsten Marktturbulenzen einer kritischen Analyse.
Der Ausverkauf bei Cloud-Software: Eine Branche unter Druck
Die Angst vor den Auswirkungen der KI ist in der gesamten Softwareindustrie greifbar. Die Entstehung von KI-Modellen, die Code schneller und kostengünstiger schreiben können, hat die Sorge geschürt, dass ein Sektor, der lange auf wiederkehrenden Abonnements beruhte, Opfer seiner eigenen Innovation werden könnte. Diese Verunsicherung spiegelt sich deutlich in der Börsenperformance wider.
Cloud-Software-Aktien befinden sich in einem anhaltenden Ausverkauf, der bereits 2025 begann und sich im neuen Jahr verschärfte. Der WisdomTree Cloud Computing Fund, der einen Korb von Software-as-a-Service (SaaS)-Unternehmen abbildet, ist seit Beginn des Jahres 2026 um mehr als 8 % gefallen. Besonders deutlich wird der Abwärtstrend beim Blick auf das gesamte Jahr: Bis zum 4. Februar 2026 verlor der Fonds im Jahresvergleich massive 30,5 % an Wert – im krassen Gegensatz zum S&P 500, der im gleichen Zeitraum um 14,4 % zulegte. Diese Schere zeigt die Skepsis der Anleger, ob Cloud-Unternehmen ihre Geschäftsmodelle in einer von KI geprägten Landschaft behaupten können.
Auch die Giganten der Branche blieben nicht verschont: Adobe und Salesforce verzeichneten 2025 Kursverluste von 21 %, während HubSpot um über 40 % einbrach. Ein Bericht vom 23. Januar 2026 verdeutlichte zudem, dass sich die Aktienkurse von Herstellern wie Adobe und Oracle teils halbiert haben, während selbst Microsoft angesichts der KI-Bedenken Schwächen zeigte.
Workday selbst kämpft trotz der optimistischen Worte seines CEOs mit massiven Turbulenzen. Die Aktie des Unternehmens verlor 2025 rund 17 % und sank seit Beginn des Jahres 2026 um weitere 15 %. Verstärkt wurde dieser Rückgang durch eine Prognose für die Abonnementserlöse im dritten Quartal, die von Investoren als „glanzlos“ eingestuft wurde. Am 22. Januar 2026 markierte die Workday-Aktie mit 180 US-Dollar den tiefsten Stand seit Mai 2023 – ein Rückgang von satten 40 % gegenüber dem Höchststand im Februar 2024.
Workdays KI-Offensive: Daten als entscheidender Wettbewerbsvorteil?
Vor dem Hintergrund der Marktskepsis und der eigenen Kursschwäche verdient Eschenbachs defensive Haltung eine genauere Betrachtung. Seine Überzeugung gründet sich auf Workdays strategischem Ansatz, KI als Plattform für das Management von Personal, Finanzen und Prozessen zu nutzen. Workday verarbeitet enorme Mengen an First-Party-Daten. Eschenbach sieht in diesen proprietären Daten einen entscheidenden Differenzierungsfaktor, der es Workday ermöglicht, sich von generischen KI-Tools drittunabhängiger Anbieter abzuheben. Exklusiver Zugang zu domänenspezifischen Daten schafft zweifellos einen Wettbewerbsvorteil („Moat“), doch der wahre Test steht noch aus: Kann Workday diese Daten effektiv in marktführende KI-Funktionen übersetzen?
Das Unternehmen investiert massiv. Im Jahr 2025 traf Workday die schwierige Entscheidung, etwa 1.750 Stellen zu streichen – explizit mit dem Ziel, Ressourcen für verstärkte KI-Investitionen freizusetzen. Dies entsprach etwa 8,5 % der Belegschaft. CFO Zane Rowe deutete an, dass Workday für neue Kompetenzprofile wieder einstellen würde, während CEO Eschenbach später erklärte, man benötige „keinen höheren Personalbestand, um das Geschäft voranzutreiben“. Dies deutet auf ein schlankes, KI-zentriertes Betriebsmodell hin.
Jüngste Entwicklungen stützen diesen Kurs. Am 23. Januar 2026 führte Joveo, eine KI-Plattform für Stellenanzeigen, eine von Workday genehmigte Integration ein. Diese ermöglicht es Workday-Recruiting-Kunden, Automatisierung und KI gezielt einzusetzen, um Bewerber zu gewinnen. Solche Integrationen sind entscheidend, um zu beweisen, dass KI bestehende Funktionen verbessert, statt sie zu ersetzen.
Jenseits des Sturms: Workdays langfristige Strategie
Trotz des aktuellen Gegenwinds am Aktienmarkt vermitteln die langfristigen Ziele des Unternehmens Vertrauen. Das Management strebt für das Geschäftsjahr 2028 ein Umsatzwachstum von 12–15 % und operative Margen (Non-GAAP) von 3 % an. Mit einer hohen Kundenbindung, starkem Cashflow und einem positiven Trend beim Return on Invested Capital (ROIC) weist Workday Merkmale eines gesunden Kerngeschäfts auf. Mit einem Umsatzwachstum von zuletzt 18,17 % lag Workday zudem über dem Branchendurchschnitt von 12,62 %. Dennoch bleibt abzuwarten, ob diese Ziele ausreichen, um einen Markt zu beruhigen, der Softwareunternehmen historisch nach deutlich höheren Wachstumsmultiplikatoren bewertet hat.
Ein weiterer Pfeiler der Strategie ist die internationale Expansion. Am 20. Januar 2026 kündigte Workday an, über die nächsten fünf Jahre eine Milliarde CAD in Kanada zu investieren. Diese Summe soll das kanadische Geschäft stärken und Talente in den Bereichen KI-Entwicklung, Engineering und Produktinnovation fördern. Solche zukunftsorientierten Investitionen in einer schwierigen Marktphase signalisieren, dass die Führungsebene KI als Beschleuniger und nicht als Bedrohung für die langfristige Lebensfähigkeit ihrer Cloud-Software betrachtet.
Unterschiedliche KI-Philosophien: Workday vs. ServiceNow
Der Ansatz von Workday, auf integrierte KI und eigene Daten zu setzen, unterscheidet sich von dem anderer Branchengrößen. In der Woche des 19. Januar 2026 unterzeichnete ServiceNow beispielsweise einen Dreijahresvertrag mit OpenAI. Dies verdeutlicht eine alternative Strategie: Die Partnerschaft mit führenden KI-Entwicklern, um bestehende Plattformen schnell aufzuwerten, anstatt sich primär auf die interne Entwicklung rund um eigene Daten zu verlassen.
Beide Ansätze verfolgen das Ziel der KI-Integration, jedoch mit unterschiedlichen Philosophien. Workdays Fokus auf den „Data Moat“ verspricht tiefe, kontextualisierte Einblicke in den Bereichen HR und Finanzen. Der ServiceNow-Weg über OpenAI könnte hingegen eine schnellere Implementierung breiterer KI-Fähigkeiten ermöglichen. Der Markt wird letztlich entscheiden, welche Architektur den größeren langfristigen Wettbewerbsvorteil bietet.
Unsere Einschätzung: Die differenzierte Wirkung von KI auf Software
Carl Eschenbachs Behauptung, das Narrativ vom „Software-Killer KI“ sei übertrieben, hat Gewicht – insbesondere aus der Perspektive eines Unternehmens, das tief in der Unternehmenssoftware verwurzelt ist. Während die Ängste der Anleger real sind und sich in massiven Abverkäufen widerspiegeln, zeigt Workdays Strategie einen Weg auf, in dem KI als leistungsstarker Optimierer fungiert. Durch die Nutzung eigener Daten, gezielte interne Investitionen und die tiefe Integration von KI in die Kernprodukte versucht Workday, die Technologie zum Wachstumsmotor zu machen.
Die heftige Reaktion des Marktes zeigt zwar das disruptive Potenzial der KI, doch Unternehmen wie Workday wetten darauf, dass die Geschichte der totalen Vernichtung zu einfach gedacht ist. Der wahre Einfluss von KI auf die Softwarewelt wird keine reine Zerstörung sein, sondern eine komplexe Evolution. Für Workday und die gesamte Branche hängt die Zukunft davon ab, KI intelligent zu nutzen, um nicht nur zu überleben, sondern in der neuen Ära zu florieren.
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